#shortstories: Sieben Regeln für das Online-Dating mit schwierigen Berufsgruppen

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„Mama, ernsthaft? Online-Dating?“ Zwei große Kinderaugen starren mich entgeistert an, nachdem sie einfach mal nachsehen wollen, warum das Smartphone heute so oft vibriert. „Das muss ich sofort meinen Freunden erzählen“, spricht das Kind und verschwindet leise vor sich hin giggelnd im eigenen Zimmer.

In Ordnung, das sitzt.

Ein paar Abende später. Eigentlich bin ich todmüde, aber das Smartphone terrorisiert mich. Mein Online-Dating treibt erste Blüten. „Vorsicht, ich könnte jetzt auch in dein Stadtviertel kommen und eine Leibesvisitation bei dir machen“, schreibt mir eine anonymisierte Buchstabenkombination, von der ich bislang zwar den Beruf aber nicht einmal den Vornamen weiß.

Ich runzele die Stirn, räkele mich auf meinem großen Bett und denke, aha, ein Polizist, na gut. Nicht so meine Klasse, aber okay, Neugier siegt. 20 Jahre Dienst in meinem Stadtviertel sind zwar hoch anzurechnen, aber – ob das wohl was wird mit den nächtlich heißen Texten, die moderne Singles so untereinander austauschen? Wenn es schon jetzt um Dinge geht, die mich sonst nur an unangenehme Situationen auf Flughäfen erinnern?

Ich lasse mich trotzdem drauf ein, wer weiß schon warum. Das Texten nimmt Fahrt auf, schreiben kann er ja, Glück gehabt. Eine Nacht wird nicht geschlafen, dann noch eine Nacht, und schließlich eine dritte Nacht. In der vierten steht er schließlich vor mir, etwas kleiner, als ich gedacht habe, aber nett und irgendwie hübscher Durchschnitt.

Und bevor ich nur nachdenke, würfelt der Durchschnitt sämtliche Regeln meines Liebeslebens durcheinander, schwierige Berufsgruppe eben:

Regel Nummer 1: Solange du in einer überschaubar großen Stadt lebst, lass die Finger von Männern und Frauen, die Luftlinie entfernt nur 500 Meter von dir leben.

Vor allem dann, wenn es Regel Nummer 2 bricht: Nichts mit Personen anfangen, die in der Öffentlichkeit stehen – oder auf der falschen Seite des Gesetzes. Beziehungsweise du auf der anderen Seite. Denn wohin dann mit dem Gras, das da in der Zuckerdose vor sich hin schimmelt, du lieber Himmel, er klingelt schon, wohin jetzt damit, etwa … runterschlucken?

Regel Nummer 3: Klingelt dann ein Mann, weiß, Anfang 50, an deiner Tür und bevor er die letzte Treppenstufe nimmt, leuchtet ein Schild auf seiner Stirn auf „MIDLIFE CRISIS“ – dann: Schlag die Tür zu! Sofort!

Vor allem dann, wenn Regel Nummer 4 gebrochen wird, und entgegen deiner Vernunft euer erstes Treffen in deiner Wohnung stattfindet.

Und glaube ja nicht, dass es Ausnahmen von Regel Nummer 5 geben könnte, die da besagt: Polizisten, die es nicht schaffen, Bierflaschen mit dem Feuerzeug zu öffnen, sind nichts anders als Polizisten. Deine Annahmen, sie seien etwas anderes, sind eine Ausnahme. Und selbstangenommene Ausnahmen sind ein Trugschluss! Niemand ist eine Ausnahme. Wirklich niemand. 

Und zum Schluss: Brich niemals Regel Nummer 6, wider besseren Wissens Sex mit schwierigen Berufsgruppen in der Midlife Crisis zu haben – nein, nie, wirklich niemals nie, lass es sein. Es ging nie wirklich gut, es ist nie wirklich gut, es wird nie wirklich gut sein.

Bleibt die siebte Regel, die ich abschließend am nächsten Morgen breche. Anstatt die Geschlechterrollen der herrschenden Klasse zu manifestieren, und ruhig und weiblichem Musterrollen entsprechend auf seine Nachricht zu warten, schick ich ihm eine.

„Na, bist du gut zuhause angekommen?“

Aber, wer jetzt ein Fünkchen Höflichkeit von der Ordnungsmacht erwartet, wird glatt enttäuscht. Es folgt irgendwas von Haareziehen und Kopfschmerzen. Ich frage mich, was ich nicht mitbekommen habe. 

Soeben habe ich ihm eine letzte Nachricht geschrieben, irgendwas von er sei mir zu kompliziert und ich möge es doch irgendwie lieber einfach. Das Kind schnappt sich das Smartphone, leicht genervt, es hat ein Recht auf Ruhe beim Frühstück. Es liest die Nachricht an den Polizisten, von dem ich immer noch nicht den Namen weiß. Die Augen werden größer, entsetzter, Rehaugen-mäßiger. „Mama! Spinnst du? Du datest ein B…“

Noch bevor das Kind den Satz zu Ende bringt, halte ich ihm den Mund zu.

Politische Ansichten sind schließlich Privatsache.

Fotonachweis: Lisa Wartzack

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